“Und vor allem Gesundheit!” wird gewünscht anlässlich von Geburts- und Feiertagen. Gesundheit gilt als hohes, schnell verderbliches Gut; gesund zu sein als das größte Glück schlechthin. Das ist merkwürdig. Da wird die bloße körperliche Voraussetzung für alle möglichen Zwecksetzungen höher eingeschätzt als die Zwecke, die der Mensch verfolgt.
Offenbar ist die Gesundheit in dieser Gesellschaft ständig gefährdet; d.h. sie unterliegt einem erheblichen Verschleiß. Auch das ist merkwürdig. Denn die Natur als Krankheitsursache ist weitgehend ausgeschaltet. Große Volksseuchen wie Covid 19 gelten als die Ausnahme, die den gewohnten Gang völlig durcheinander bringt. Normal ist stattdessen, dass die Masse der Leute an sogenannten Berufs- und Zivilisationskrankheiten leidet. Was ist das für eine Sorte Zivilisation, deren Arbeits- mitsamt dazugehöriger Freizeitwelt die Menschen systematisch kaputt macht?
Mit seinen Gesundheitsproblemen wird niemand allein gelassen und gleichzeitig macht das staatlich organisierte Gesundheitswesen es niemandem recht, zum Gesundheitswesen gehört seine Kritik: Nicht wenige Patienten argwöhnen, dass Ärzte Geldschneider, Kurpfuscher oder beides sind. Oder beklagen, dass Kassenbeiträge steigen und die Kassen immer weniger Leistungen abdecken. Umgekehrt regen sich Ärzte über zu geringe Vergütungen auf und warnen, dass damit die Versorgung der Patienten in Gefahr ist. Und die Politik beklagt ein „immer teureres Gesundheitssystem“ und entdeckt „Überversorgung“ genauso wie unzureichende Qualität ärztlicher Eingriffe sowie „strukturelle Fehlanreize“.
Einwände dieser Art kritisieren jeweils vom Standpunkt des Patienten, des professionellen Dienstleisters und des staatlichen Kassenverwalters aus mangelhafte oder gar vorenthaltene Leistungen des Gesundheitsbetriebs sowie dessen schlechte Organisation und fordern Besserung. Aber was ist, wenn der Skandal gar nicht in der fehlenden Leistungsfähigkeit des Gesundheitswesens liegt, sondern in seiner Leistung und dem Zweck, dem es dient? Vielleicht ist ja in dessen kapitalistischer Logik das notorische Missverhältnis von Einnahmen und Ausgaben begründet, das nicht nur die amtierende Gesundheitsministerin zu immer neuen „Reformen“ der gesetzlichen Krankenversicherung und ihrer Unterabteilungen treibt?
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