Diskussionsveranstaltung
Mi, 12. August 2020
von 19:15 Uhr bis 22:00 Uhr
Online-Diskussionsveranstaltung; der Einladungslink zur Teilnahme per Discord:
https://discord.gg/NmqezJ

Wissen und Macht in der Demokratie

BILD provoziert einen Streit um die wissenschaftliche Autorität des Virologen Drosten und damit

Aufklärungen zum Verhältnis von Glaube, Wissen und Macht in der Demokratie

Zum Thema der Veranstaltung empfehlen wir den Artikel „Pandemie XII: Das Virus provoziert eine Klärung des Verhältnisses von Glaube, Wissen und Macht in der Demokratie“ aus der Politischen Vierteljahreszeitschrift GegenStandpunkt Nr. 3-20, der als Vorabdruck auf der Website des GegenStandpunktverlags veröffentlicht ist: https://de.gegenstandpunkt.com/artikel/glaube-wissen-macht

Eine Zitatesammlung für die Veranstaltung:

„Fragwürdige Methoden! Drosten-Studie über ansteckende Kinder grob falsch. Wie lange weiß der Star-Virologe schon davon?“ (Bild, 26.5.20)

„… nahezu alle Experten, denen wir uns in dieser Krise anvertrauen (müssen), lagen mit nahezu jeder Einschätzung so falsch, dass unser Glauben an sie sich nur noch mit Verzweiflung erklären lässt. Sie haben das Tragen von Masken nahezu verhöhnt. Nun ist es Pflicht. Sie haben davor gewarnt, Schulen und Kitas zu schließen. Nun sind Millionen Kinder seit Wochen zu Hause. Sie haben als nutzlos abgetan, die Grenzen abzuriegeln. Nun kommt niemand mehr ins Land. Sie haben trotz aller Maßnahmen immer wieder vor dem unmittelbar bevorstehenden Kollaps unseres Gesundheitssystems gewarnt. Nun herrschen auf Krankenhausfluren gespenstische Ruhe und Angst vor Arbeitslosigkeit … Unsere Wirtschaft ist schon jetzt so massiv und teilweise irreparabel geschädigt, dass unsere Regierung sich kaum noch erlauben kann, zuzugeben, in ihrer Schärfe überzogen zu haben. Die Experten müssen recht behalten, weil sie nicht falsch liegen dürfen … Deswegen erleben wir zunehmend Sturheit, Starrsinn und Rechthaberei …“ (Julian Reichelt, Schluss mit dem Starrsinn in der Corona-Politik!, Bild, 27.4.20)

„Wenn wir in den letzten Wochen etwas über die Wissenschaft gelernt haben, dann das: Die Debatte muss dort stattfinden, wo die Menschen sind. Je de Empfehlung, die Forscher aussprechen und Politiker umsetzen, muss den Millionen betroffenen Bürgern so erklärt werden, dass sie es verstehen. Ganz besonders dann, wenn die Grundlage so unklar, die Auswirkungen aber so weitreichend sind. Denn weder Wissenschaft noch Politik dienen sich selbst. Sie dienen den Menschen.“ (Bettina Kochheim, Wissenschaft ist für alle da, BILD, 4.6.20)

„Drosten habe Ende April eine „falsche Corona-Studie“ veröffentlicht, schreibt die „Bild“-Zeitung. Die Studie wird verantwortlich dafür gemacht, dass Kitas und Schulen immer noch nicht geöffnet sind. In jeder Hinsicht beweisen die Behauptungen, wie unterentwickelt bei vielen das Verständnis für die Prozesse innerhalb der Wissenschaft und deren Rolle an der Schnittstelle zur Politik ist.“ (Joachim Müller-Jung, Wahrheit im Corona-Style, FAZ, 29.5.20)

„Es handelt sich um eine Krise in Echtzeit: Aufgrund der Neuartigkeit dieses Virus gibt es keinen gesicherten Erkenntnisstand, auf dessen Grundlage politische Entscheidungen getroffen werden könnten. Es ist für die Wissenschaft zudem charakteristisch, ja sogar konstitutiv, dass sie keine abschließenden Wahrheiten produzieren kann. Anders als in der Politik ist die Revision einer Position in der Wissenschaft eben gerade kein Ausdruck von Schwäche, sondern Alltagsgeschäft. Forschungsergebnisse lassen unterschiedliche Interpretationen zu, und die Beratung von Politikern bleibt entsprechend kontingent.“ (Mitja Sienknecht, Antje Vetterlein, Wissenschaftliche Wahrheit und politische Verantwortung, NZZ, 3.6.20)

„Direkter hat das … der Wissenschaftstheoretiker Karl Popper formuliert: „Nicht der Besitz von Wissen, von unumstößlichen Wahrheiten macht den Wissenschaftler, sondern das rücksichtslos kritische, das unablässige Suchen nach Wahrheit.“ … Wissenschaftliche Sätze müssen sich also bewähren. Und sie bewähren sich … durch Transparenz und kritische Prüfung.“ (Müller-Jung, a.a.O.)

„Wir sollen verstehen, und wir sollen befolgen … Dass dies je länger, je mehr umstritten sein würde, konnte man voraussehen. Umso wichtiger war die kontinuierliche Begleitung durch Wissenschaftskommunikation. Denn all diese Maßnahmen hätten sich auf dem Weg staatlicher Reglementierung allein nicht umsetzen lassen. Die Leute mussten mitziehen, und dafür mussten sie den wissenschaftlichen Vorgaben vertrauen.“ (Gustav Seibt, Drosten und wir, SZ, 28.5.20)

„Aber was heißt „führender Corona-Spezialist“? Woher wissen wir Laien das überhaupt? Wir lauschen einer Autorität, können aber kaum sagen, worauf sie beruht … Weder Politiker noch durchschnittliche Bürger können … im Ernst die hochspezialisierten Forschungen solcher Fachleute selbst im Einzelnen überprüfen.“ (Ebd.)

„… die Übertragung des politischen Meinungsbegriffs auf die Wissenschaft [verfehlt] den entscheidenden Unterschied. Was wir landläufig „Meinungen“ nennen, sind gesellschaftliche Standorte, Sichtweisen, die mit Erfahrungen und Interessen … verbunden sind. … mit der innerwissenschaftlichen Meinungsbildung allerdings sollte es nichts zu tun haben. Denn wissenschaftliche Kontroversen verlaufen nach strengen Regeln in eingeübten Prozeduren, die auf maximale Nachprüfbarkeit, also systematisierten Zweifel abgestellt sind. Dieser Zweifel ist keine unbestimmte „Skepsis“ („der eine sieht es so, der andere so“), die eine „politische“ Wahl offenlässt, sondern ein Erkenntnisinstrument. Institutionalisiert ist es beispielsweise im Gutachterwesen der Peer-Reviews. Was heißt das für den Laien und die politischen Abnehmer? Wissenschaftsvertrauen muss zu einem großen Teil Institutionenvertrauen sein: Vertrauen in Unabhängigkeit, eingespielte Prozeduren, innerwissenschaftlichen Pluralismus, Öffentlichkeit für andere Wissenschaftler, aber auch für Wissenschaftsvermittler, die ausreichend geschult sind, um Forschungen kritisch zu begleiten.“ (Ebd.)

„Wer Wissenschaft als ein Instrument verkaufen will, mit dem der Mensch absolute Gewissheit und Kontrolle über sein Schicksal gewinnen könne, verlässt den Boden seriöser Wissenschaft und macht sich zum Prediger von Verdammnis und Heil. In der Klimadebatte haben wir den Wandel von prominenten Wissenschaftlern zu Hohepriestern bereits erlebt.“ (Thea Dorn, Nicht predigen sollt ihr, sondern forschen, DIE ZEIT, 4.6.20)

„Während in der Bild der Versuch unternommen wird, den zum „Kanzlerinnenflüsterer“ hochstilisierten Virologen über einen angeblichen Statistikfehler in seiner vorläufigen Studie zu entthronen, verwechseln Teile der Bevölkerung Politik und Wissenschaft und konstruieren sie als gemeinsame Elite, die die Unmündigkeit des Bürgers ausnutzen möchte. … Es ist daher höchste Zeit, über das Verhältnis von Politik und Wissenschaft zu sprechen.“ (Sienknecht/Vetterlein, a.a.O.)

„Die Politik trifft kollektiv verbindliche Entscheidungen und übernimmt politische Verantwortung, die Wissenschaft gewinnt Erkenntnisse und strebt nach Wahrheit. Im Politiksystem ist die Kommunikation entlang der Unterscheidung zwischen Macht/Ohnmacht beziehungsweise Regierung/Opposition strukturiert. Das bedeutet, dass Politiker danach streben, sich Macht in Form von politischen Ämtern anzueignen. Der zentrale Code im Wissenschaftssystem ist Wahrheit/Unwahrheit, er spielt in der Politik normalerweise keine dominante Rolle. Politik und Wissenschaft sind zwei unabhängige Systeme.“ (Ebd.)

„Eine der tragischsten Taten, die eine Demokratie begehen kann, ist Selbstunterwerfung unter die rigiden Handlungsvorschriften einer klerikal auftretenden Naturwissenschaft aus Angst vor dem Unterworfensein unter die Macht der Natur.“ (Thea Dorn, a.a.O.)

„In Demokratien müssen politische Entscheidungen immer Gegenstand von Auseinandersetzung und kritischem Nachfragen bleiben. Politische Verantwortung heißt, sich nicht hinter der Wissenschaft zu verstecken, sondern vielmehr sich diesen unbequemen Fragen zu stellen – sprich: Politik zu machen. Die momentane Krise lässt die Grenzen zwischen beiden Systemen scheinbar verschwimmen, so dass man den Eindruck gewinnen könnte, die Wissenschaft steuere die Politik. Dies ist mitnichten der Fall.“ (Sienknecht/Vetterlein, a.a.O.)